
Beim Zugang mancher Führungskräfte zu Leadership kommt mir der Film „Highlander“ in den Sinn: “Es kann nur eine(n!) geben” tönt Connor MacLeod (gespielt von Christopher Lambert) mit tiefer martialischer Stimme, bevor er sich zu den Klängen von Queen in das finale Gemetzel mit seinem Widersacher Kurgan stürzt. Er überlebte und war fortan der einzig Unsterbliche auf der Erde. Na schau: so einfach ist die Welt! Alleinherrscher; Macht über alle: cool, oder? Aber: Muss das so sein? Und: ist das überhaupt klug in einem dynamischen sich stetig veränderndem Umfeld, wo es nicht den „Einen“ oder die „Eine“ mit DER richtigen Antwort gibt und alle nur herumprobieren und lernen können? Und ist das eigentlich lustig, allein da oben?
Ich lass mal die Motiv-Forschung und anthropologische Erklärungen beiseite und schreibe hier nur über meine persönlichen Erfahrungen (… also kein Anspruch darauf, dass dieser Zugang „der Richtige“ ist 😉). Wie kam ich dazu? Es hat sich einfach so ergeben …
Nach Jahren in ungeteilter Projekt-, Team- und Abteilungsleitung war ich mehrere Jahre maßgeblich an der Leitung eines groß angelegten Transformations-Programmes beteiligt. Ich durfte es einmal gemeinsam mit einem Bereichsleiter im Duo leiten und später dann mit einem andern Programm-Manager in einem anderen Shared Leadership-Ansatz. Ich rede hier von einem dynamischen und komplexen Vorhaben und da war das Bündeln unterschiedlicher Erfahrungen und Intuitionen sehr hilfreich, um den richtigen oder zumindest gangbaren Weg der Veränderung zu finden. Klar setzten wir deshalb das Kernteam entsprechend divers zusammen, aber auch in der Leitung war es hilfreich und entlastend, wenn man:
Und herausfordernd war:
Es war also kein Spaziergang, aber meiner Meinung nach, den Aufwand wert. Ich durfte das Programm auch ein Jahr lang allein verantworten. Daher kenne ich den Unterschied und auch die Einsamkeit der ungeteilten Verantwortung; wenn man permanent allein vorne steht und „abliefern“ muss. Da musste ich an Chuck Noland (gespielt von Tom Hanks) aus dem Film „Castaway“ denken, der seinen Volleyball zu seinem imaginären Vertrauten machte. Und als ich da verschollen auf der „Es kann nur einen geben“-Insel gestrandet war, wünschte ich mir auch einen „Wilson“, mit dem ich mich austauschen und die Bürde der Verantwortung teilen konnte.
Seit dieser Erfahrung zog es mich – unbewusst – meist in ein Umfeld, wo ich die „Führungsarbeit“ teilen konnte. So durfte ich vor einigen Jahren gemeinsam mit einer sehr erfahrenen Organisations-Entwicklerin und Finanz-Managerin die Leitung für ein in die Krise geratenes Produkt-Entwicklungsprogramm übernehmen. Wir ergänzten uns wunderbar, hatten uns in unserer bisherigen Zusammenarbeit viel Vertrauen aufgebaut und keiner von uns konnte und wollte diese Aufgabe allein in Vollzeit übernehmen. So traten wir als zusammen 1,4 FTE an. Und da waren die Stimmen wieder: „Ihr solltet das in Vollzeit machen!“, „Es kann nur eine/-n…“. Daher hat es mich besonders gefreut, dass am Ende von Auftraggeberseite positives Feedback kam „Ich glaubte damals nicht daran, dass das klappt. Aber ich habe euch einfach mal vertraut und muss sagen: ihr hattet recht und es hat hervorragend funktioniert!“
Und was war das Erfolgsrezept? Eine klare Aufgabenteilung und enge Abstimmung. „Womit komme ich zu wem?“, das war für alle klar. So war ich mehr für Planung, Roadmap und alles Technische verantwortlich und Renate für die Execution, das Setup und die Finanzen, wichtige Entscheidungen trafen wir immer gemeinsam und auch der Zustand des Gesamtprogrammes und -teams reflektierten wir zu zweit. Und wenn eine/-r von uns nicht verfügbar war, galt: Der/die Verbleibende übernimmt 100% der Aufgaben und Verantwortung. Trotzdem müssen immer beide über das Wichtigste im Bilde sind. Kurze regelmäßige Check-Ins oder Telefonate am Tagesrand eigneten sich hier besonders gut, Zeit in einem gemeinsamen Büro erleichterte die Synchronisation noch zusätzlich. In dieser Konstellation konnten wir das Programm gemeinsam mit allen Beteiligten wieder aus der Krise und hin zu einer konstanten Lieferfähigkeit führen.
Um diese Erfahrungen reicher durfte ich während der Covid19-Krise erleben, dass die Verteilung der Führungsarbeit noch breiter und fluider sein kann. In einer New Work Initiative war zwar informell eine neue junge Kollegin und ich in der Gesamtverantwortung und machten uns ähnlich einer Product-Owner-Rolle gemeinsam Gedanken um den Fokus, die nächsten Schwerpunkte und die Prioritäten; Entscheidungen trafen wir aber meist gemeinsam im Team. Da wir beide und die meisten anderen Stabs-Funktionen ausfüllten oder „in Teilzeit“ arbeiteten, war es auch gar nicht möglich zu viele Aufgaben und Verantwortungen auf Einzelne zu bündeln. Mit klarem Fokus, großem Vertrauen ineinander, regelmäßiger Abstimmung und immer wieder einem Nachschärfen der Verantwortungen und Rollen konnten wir gut eigenverantwortlich agieren, füreinander einspringen und trotzdem so koordiniert vorgehen, um Dinge wie ein großes New Work Festival für tausende Mitarbeiter:innen auf die Beine zu stellen.
Nun stellt sich aber im Hinblick auf das Thema „Leadership im Wandel!?“ die Frage: Ist das hier Beschriebene gute Führung? Aber was ist gute Führung? Der Zweck ist das Leben der Kund:innen zu verbessern und den Fortbestand des Unternehmens zu sichern. Dazu muss für mich gutes Leadership Orientierung geben, Entscheidungen treffen und Konflikte bearbeiten; dort, wo notwendig; wo es selbstorganisiert nicht möglich ist oder eigenverantwortlich nicht passiert.
UND: Es muss den Rahmen für persönliche und organisatorische Entwicklung gestalten und dazu einen Raum psychologischer Sicherheit und Vertrauen schaffen, in dem man Neues ausprobieren und Bestehendes Hinterfragen will. Und dies ist alles auch in einer kooperativ-geteilten Verantwortung möglich.
Was braucht es nun zusammenfassend, damit das gelingt?
Also was auch immer eure Motivation für Shared Leadership ist, ob es Teilzeit ist, ob ihr euch die Verantwortung nicht allein zutraut oder ob es darum geht der hohen Dynamik mit Multiperspektivität und -intuition zu begegnen: Seid mutig und probiert es aus 💪!