
4:30: Es ist nebelig, kalt und ...spiegelglatt. Die inneren Stimmen überlagern sich: "Sollst du dir das antun?", "Jetzt erst recht", "Aber wenn was passiert", "Ist sicher spannend jetzt im Wald", "Musst ja nicht", "Du sollst eh mehr regenrieren", "..." und : Stimmen aus, Schneeketten auf die Laufschuhe und los geht´s!
Ich verschwinde in Nebel und Dunkelheit. Einige Höhenmeter bergauf, der Nebel lichtet sich. Das pulvrige Weiss im Stirnkerzenschein sorgt für gute Sicht, die Äste sind fest und sicher in glitzerndes Eis eingepackt; Wunderschön, funkelnd, magisch. Oben angekommen, kommt dann die wahre Challenge: Bergab auf blankem Eis.
Die Forststrasse gleicht einem Eislaufplatz. Bei flottem Schritt sagt das Erfahrungsgedächtnis im Hirn: "Gleich liegst du da. Hüfte, Steißbein, Schulter. Such´s dir aus!", aber die Ratio versichert "Nein die Krallen halten. Da rutscht sicher nix". Ich lasse die Angst los und spüre wie sich das Vertrauen festigt; fühle mich Schritt für schritt sicherer ... Die Anspannung weicht … Trotzdem kämpfen Erfahrung mit Erleben…
Die Gedanken wandern: Was gibt mir eigentlich in all den rutschigen Situationen in der Führung, in der Beratung die Sicherheit? Dann tauchen meine Core-Beliefs auf, herauskristallisiert in den vielen Jahren, besonders in den Situationen, wo ich ins Schleudern kam. Der wichtigste: Ich bin überzeugt, dass eine echte emotionale Verbindung zueinander den Unterschied macht; egal ob Mitarbeiter:innen, Kund:innen, Kolleg:innen, Peers oder Vorgesetzte.
Nicht private Beziehung oder Freundschaft, aber mehr als rein funktionale Arbeitsteiligkeit. Sich als erwachsene Menschen auf Augenhöhe begegnen, ernst nehmen, Respekt, Wertschätzung und echtes Interesse am anderen. Besonders wenn es eng wird, der Druck steigt, Konflikte entstehen, wird die Arbeit auf der Beziehungsebene belohnt mit belastbarer Kooperation. Da hilf keint oberflächliches Smalltalk-blabla oder ein herumdoktern auf der Sachebene.
Ich habe es bitter lernen dürfen: Ich glaubte als Leader alles alleine lösen und auf alles eine Antwort haben zu müssen. emotionslos, eisglatt, superrational. Das Ergebnis: noch mehr Arbeiten, Überforderung, Distanzierung, knapp am Burnout vorbeigeschrammt. Als ich wirklich nicht mehr konnte und weiterwusste, lud ich zum Team-Meeting ein, mit echten Interesse an Feedback und dem Befinden der anderen. Die Reaktion: “Es ist mühsam mit dir.” “Du lässt uns nicht ran.” “Machst alles selbst. Kontrollierst. Denkst für uns.” “So wollen wir nicht weitermachen. Wir sind auch am Ende.” -> Ich war schockiert und hatte keine Energie für Rechtfertigung, Argumente oder Widerstand: Ich konnte nur zeigen wie ausgelaugt, frustriert und planlos ich war. Das war unangenehm. Ich fühlte mich offen, schwach und verletzlich.
Die Reaktion: “Dann lass uns das gemeinsam etwas weniger verkrampft angehen.” “Wir wollen mittun. Gib uns einen Auftrag und dann lass es uns selbst machen.” “Du kannst etwas loslassen”. Mein A-ha: keine Abwertung, sondern Hand-reichen -> Das war für mich ein Schlüsselerlebnis: Nur durch das Teilen der eigenen Emotionen können andere emotional andocken, sich einhaken. Wie die Krallen der Schneekette im Eis Halt finden. Seitdem: Wenn ich anstehe, öffne ich mich, zeige mich verletzlich, statt zuzumachen und den starken Know-it-all zu markieren; auch wenn es verdammt schwer fällt. Der Gewinn: echte Verbindung, Unterstützung und tiefer Zusammenhalt. Damit navigierte ich mit unterschiedlichen Teams auch auf eisglattem Terrain: Wir brachten festgefahrene Projekte wieder auf Schiene und kamen trotz unlösbarer Problemen weiter.
Wie wende ich das in der Beratung an?
Am effektivsten geht dies mit Führungsteams, deren Haltung echte Menschlichkeit mit high-performance verbindet. Die besten unter ihnen navigieren damit auch unter den aktuell schwierigen Marktsituationen sicher und erfolgreich. Die anderen reiben sich in Spielchen, Zwist und Egoismus auf.
Ich lade euch damit ein sich in den Mitarbeitenden oder Stakeholder, der euch so gar nicht liegt, reinzuversetzen und ein Stück weit Interesse am Menschen hinter der Rolle zu zeigen, zum Beispiel mit der Frage: “Wie geht es dir eigentlich wirklich mit dem Projekt, der Situation, …?” Und dann hört neugierig zu und fragt nach; zeigt welche Schwierigkeiten ihr damit habt. Ihr werdet überrascht sein, was dies verändern kann.